Leseprobe FAST GENUG
FAST GENUG
bis ich lerne mich selbst ernst zu nehmen
Prolog Sechs Worte
„Danke, dass du so ehrlich bist.“
Sechs Worte.
Laura las den Satz ein zweites Mal. Nicht, weil sie ihn nicht verstand. Sondern weil ihr Herz sich weigerte zu glauben, dass sechs Worte alles gewesen sein sollten. Ein drittes Mal. Als könnten zwischen den Buchstaben plötzlich noch andere Antworten auftauchen. Ein Zögern. Ein Bleib doch. Ein Lass uns reden. Irgendetwas, das verriet, dass dies nicht das Ende war. Doch der Bildschirm blieb unverändert. Das Handy lag regungslos auf dem Küchentisch. Hinter den großen Fenstern begann ein heller Morgen. Zwischen den Bäumen glitzerte der See im ersten Sonnenlicht. Das Wasser war spiegelglatt. Kein Wind kräuselte die Oberfläche, nur das leise Zwitschern der Vögel durchbrach die Stille. Die Welt wirkte friedlich. Fast so, als hätte sie beschlossen, für einen Moment den Atem anzuhalten. In Laura sah es anders aus. Gedanken, Erinnerungen und Gefühle liefen durcheinander, ohne dass sie einen davon festhalten konnte. Sie hatte Steven nicht geschrieben, weil sie aufgehört hatte, ihn zu mögen. Genau das machte alles so schwer. Sie mochte ihn noch immer. Vielleicht mehr, als sie sich eingestehen wollte. Sie kannte sein Lachen. Die kleinen Pausen zwischen seinen Sätzen. Die Art, wie eine Nachricht von ihm einen gewöhnlichen Dienstag plötzlich besonders machte. Wie ihre Schultern sich entspannten, sobald sein Name auf dem Display erschien. Aber sie kannte inzwischen auch dieses andere Gefühl. Das Gefühl, immer am Rand seines Lebens zu stehen. Nah genug, um zu hoffen. Zu weit entfernt, um wirklich anzukommen.
Seit drei Jahren wartete ein Teil von ihr darauf, dass aus diesem Dazwischen irgendwann ein gemeinsames Leben wurde. Darauf, dass aus schönen Momenten Verbindlichkeit entstand. Dass aus Hoffnung Gewissheit wurde. Doch Hoffnung konnte erstaunlich lange wie Liebe aussehen. Oben rumpelte es. Mats war wach. Laura schloss für einen Augenblick die Augen und musste trotz allem lächeln. Sie war fünfundvierzig Jahre alt. Sie hatte einen Sohn, ein Haus, einen Beruf, der Verantwortung verlangte, und genügend Termine, Rechnungen und Verpflichtungen, um mühelos drei Kalender zu füllen. Und trotzdem genügte ein einziger Mann, um sie morgens um sieben auf ein stummes Telefon blicken zu lassen.
„Mama?“
„Ja?“
„Wo ist mein Fußball?“
Laura trat an die Terrassentür. Mitten auf dem Rasen lag der Ball. Gut sichtbar. So offensichtlich, dass sie unwillkürlich lächeln musste.
„Im Garten.“ Eine kurze Stille.
„Wo?“
Jetzt musste sie lachen. Ein warmes, echtes Lachen. Für einen Augenblick verlor die Nachricht auf dem Küchentisch ihre Schwere. Das Leben hatte eine erstaunliche Gabe. Es wartete nicht. Es fragte nach Fußbällen, Brotdosen und Frühstück. Es holte sie zurück. Immer wieder. Und vielleicht, dachte Laura, war genau das seine größte Stärke.
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